Ein Blog über Magie, Nachhaltigkeit, Tarot und Kunst

Schlagwort: Diskriminierung

Tarot – glaubst Du daran?

„Glauben kannst Du in der Kirche“ – hätte mein Mathelehrer jetzt gesagt. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich mich hier nicht über irgend einen Glauben lustig machen möchte (ich selbst habe ja meinen ganz eigenen Glauben, wie ihr hier lesen könnt). Das Tarot an sich ist aber nichts, woran man glauben kann – allerdings glauben viele Menschen Dinge über das Tarot, so dass mir dann die oben genannte Frage gestellt wird.

Laut Duden kann man der Tarot und das Tarot nennen – tatsächlich nutze ich beide Artikel. Heute schreibe ich über Tarot im Allgemeinen, daher hört sich das Tarot richtig an. Spreche ich von einem konkreten Tarotdeck sage ich meistens „Der xx- Tarot“, z.B. der Crowley Tarot.

Was genau ist Tarot

Tarot ist ein Kartenspiel mit 78 Karten. Es gehört zu der Gruppe der Tarockspiele, deren Urform irgendwann um 1425. Tarockspiele bestehen aus Farbkarte (vergleichbar mit Karo, Herz, Kreuz und Pik im Skatspiel) und sogenannten Trumpfkarten. Je nach Spiel und Epoche variiert die Anzahl der Karten der Spiele sehr stark. Das klassische Tarot hat aber 78 Karten – manche Künstler fügen aber 2 Zusatzkarten hinzu (ok, manche auch mehr). Das liegt daran, dass auf den letzten Druckbogen 2 Karten mehr passen würden – so gestalten manche Künstler eben weitere Karten, bei anderen Decks wird daraus ein Deckblatt und etwas anderes.

Den Karten und vor allem den Trümpfen des Tarot wurden mit der Zeit spirituelle Bedeutungen beigemessen. Die Trümpfe im Tarot nennt man übrigens Große Arkana, die Farbkarten Kleine Arkana. Tatsächlich beschreiben die Karten der Großen Arkana eine „Reise der Erkenntnis“, die nunmal jede*r durchläuft. Sie kann als Sinnbild für das gesamte Leben gesehen werden – wer aber schon ein bisschen erfahrener ist weiß, irgendwie verläuft das Leben in Zyklen und manchmal steht man wieder am Anfang – ist aber nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor. Die Große Arkana ist auch Sinnbild für diese Zyklen und die Weiterentwicklung, die durch sie stattfindet.

Die Kleine Arkana besteht aus 56 Hofkarten, im Tarot sind das meist Stäbe, Kelche, Schwerter und Münzen. Jede Reihe besteht aus 10 Zahlenkarten (Ass bis 10) und 4 Hofkarten (Page, Ritter, Königin und König). Jede Farbe ist dabei einem Thema zugeteilt – Stäbe beschreiben unsere Leidenschaft, den Tatendrang und den Impuls, Dinge anzupacken. Die Kelche stehen für Emotionen, Gefühle oder aber auch das Unterbewusstsein. Schwerte symbolisieren den Verstand und die Worte – beides zweischneidig und potentiell verletzend wie ein Schwert. Und die Münzen stehen zu guter Letzt natürlich für Geld und alle materiellen Bedürfnisse. Die Kleine Arkana zeigt eher die alltäglichen Probleme.

Tarot wird zum Wahrsagen benutzt

Nein, auch wenn Wikipedia das schreibt. Obwohl das viele so versuchen und es ganze Fernsehkanäle gibt, die diesen Glauben nutzen. Es geht nicht um Wahrsagen sondern um Wahrheitsfindung- ein himmelweiter Unterschied.

Das jedoch jahrhundertelang bis heute der Eindruck vermittelt wurde, es gäbe ein unveränderliches Schicksal für jeden Menschen und mit den Karten könnte es voraussagt werden, erklärt sich die Frage nach dem Glauben – eigentlich müsste die Frage heißen, glaubst Du an unveränderliches Schicksal. Nein, glaube ich nicht. Für mich ist Schicksal eine Art Zufallsgenerator – eigentlich wollte man was ganz anderes und am Ende lacht man darüber und sagt „Das war Schicksal“.

Ein Beispiel- ich war schon einmal verheiratet und stand nach der Trennung auf der Straße, als Studentin mit wenig Geld. Also habe ich eine WG Gründen wollen und mich mit dem Bewerber getroffen – am Ende bin ich jetzt wieder verheiratet und wir brauchten nur ein Bett in der WG. So kann es gehen, dass hätte aber im Leben niemand vorhersagen können. Hätte ich mich anders entschieden und wäre in ein Wohnheim gezogen – ich hätte diesen Menschen nie getroffen.

Wenn nicht Wahrsagerei – was denn dann?

Da Tarot wie oben beschrieben eine Systematik und Symbolik zu Grunde liegt, die ganz allgemein Phasen, Zyklen und Lebensabschnitte, die ein jeder von uns kennt, beschreibt, funktioniert es eben sehr gut, die Intuition mit den Karten zu schulen. Jede Karte hat wirklich eine ganz vielschichtige Bedeutung und bei der Fülle an Tarotdecks wird jede*r ein Deck finden, bei der die Bilder ihm*ihr sofort Geschichten erzählen.

An Hand der Karte kann dann reflektiert werden: Zeigt die Karte mein Problem? Weist sie schon auf einen möglichen Lösungsweg hin? Ist eine Person abgebildet? Was würde mir diese Person raten? So können viele neue Sichtweisen und Impulse gewonnen werden, die eigenen Handlungsmöglichkeiten abzuwägen. Ob du etwas davon annimmst und umsetzt ist „up to you“, wie es Neudeutsch so schön heißt.

Wichtiger Punkt ist, die Tarotkarten sind nur ein Werkzeug. Sie haben keine Macht und befehlen Dir auch nicht, was Du tun sollst. Und selbst wenn „negative“ Karten (die es so gar nicht gibt, denn eigentlich sind alle Karten neutral) fallen – es sind nur bunte Bildchen auf Papier.

Tarot legen ist also doch nur Cold Reading

Cold Reading beschreibt Techniken, die Zauberkünstler und Mentalisten einsetzen, in dem sie bei interviewartigen Gesprächen den Eindruck vermitteln, die Person zu kennen, obwohl sie das nicht tun. Gern wird eben behauptet, genau so wird beim Karten legen gearbeitet, um dem Klienten das zu sagen, was er hören will.

Wie im letzten Absatz beschrieben, geht es um Beratung zu einem konkreten Problem. Tarotkarten haben eine allgemeine Symbolik, also muss ein Berater*in zwangsläufig mit Klient*innen diese besprechen, um eine Beratung zu ermöglichen. Also, ohne Gespräch geht es gar nicht. Und wie gesagt – das Tarot ist ein Werkzeug, man könnte auch einfach so reden. Allerdings eigenen sich gerade Bilder sehr gut, um Gefühle anzusprechen, die manche Menschen schwer formulieren können.

Da Kartenlegen eine Beratung ist, ist es also natürlich interaktiv. Da ein seriöser Berater aber gar nicht den Eindruck erwecken wollen wird, eine Gabe zu haben, ist der Vorwurf von Cold Reading nicht gerechtfertigt. Ich stelle mir das immer bei anderen Berufen vor – z.B. beim Arzt „Was tut denn weh?“ – „Sie sind der Fachmann, finden Sie es raus.“ Oder in der Autowerkstatt- da kann das schon teuer werden, wenn der Fachmann sagt, was ausgetauscht werden soll.

Aber wie funktioniert das genau?

Woher weiß ich denn, dass die richtigen Karten für mich da liegen?” Gegenfrage- nach allem, was Du oben gelesen hast, wäre es da noch wichtig, ob die Karten gezielt ausgewählt werden oder ob zufällige Kartenbilder genutzt werden? Denn wie oben beschrieben – die Karte sind ein Werkzeug, die Intuition zu schulen und mit ihrer Hilfe neue Ansätze zu finden, ein Problem zu lösen oder mit einer Situation umzugehen.

Meistens eine Situation, in der wir entweder mit dem Verstand nicht weiter kommen- oder aber Herz und Verstand uns wie Engelchen und Teufelchen auf der Schulter gegensätzliche Handlungsempfehlungen zu flüstern. Wir sind gewohnt, Dinge mit em Verstand zu entscheiden- zwei Jobangebote und wir nehmen das besser bezahlte an. Nun erfüllt uns dieser Job aber nicht und wir fühlen uns nicht wohl. Der Verstand kann dies aber nicht erklären- es scheint doch alles perfekt.

Genau bei solchen Fragestellungen ist es gut, sich bewusst zu werden und die eigene Gefühlswelt zu analysieren. Dabei kann Tarot helfen, da die Karten eine vielschichtige, allgemeine Bedeutung haben. Jedoch muss man sich darauf einlassen. Frage daher vielleicht eher: Funktioniert Tarot für mich? Einfach mal probieren und darauf einlassen.

Natürlich gibt es Theorien dazu, wie Tarot und insbesondere das Ziehen der richtigen Karten funktionieren soll. Diese Konzepte sind aber sehr komplex, so dass ich hierzu zur gegebenen Zeit einen eigenen Beitrag verfassen werde.

Wie oben erwähnt sind Tarotkarten ein Werkzeug, die Lösung zu finden, wenn der Verstand und das Herz sich mal nicht einigen können. Also in einer Situation, in der Dich der Verstand allein ohnehin nicht weiter bringt – vielleicht ist es dann an der Zeit, etwas Neues zu probieren? Und ob Du darauf vertraust, dass eine höhere Macht die richtigen Karten für Dich wählt oder Du bei der Betrachtung zufälliger Karten auf die Lösung kommst oder einen Aha- Moment erfährst – das ist ja dann vielleicht sogar unwichtig? In dem Sinne – bleibe neugierig.

Be Blessed, Keya

P.S. In eigener Sache, ich habe mir da etwas überlegt – ich möchte gerne meine allgemeine Tarot Legung, die ich zum Vollmond durchführe, mit Euch teilen. Wenn Ihr also ein-/ zweimal (zu Voll- und Neumond) im Monat allerhöchstens Post mit Impulsen für den kommenden Monat erhalten wollt, dann meldet Euch bei meinem Newsletter an:

Warum Männer Röcke tragen sollten

…und Frauen das akzeptieren sollten

Harry Styles wird das Cover der Vogue im Dezember zieren – als erster Mann weltweit. Und wird ein Spitzenkleid tragen- die Meldung ist ja nun eigentlich auch irgendwie schon eine Woche alt. Aber es geht um einen Mann in einem Spitzenkleid und wir haben erst… 2020. Und vor ziemlich genau 2 -3 Jahren habe ich schon einmal einen Artikel zu diesem Thema geschrieben – und es ist so ziemlich nichts in diese Richtung passiert. Bis vor einigen Tagen dieses Bild in den Instastories auftauchte – zum Glück denken alle Profile, denen ich folge, ähnlich wie ich über dieses Thema.

Leider ist mein Blogartikel aus 2017 nicht mehr da. Ich hatte meinen damaligen Blog gesichert, leider aber hat ein Festplattencrash diese Sicherung offenbar geschluckt. Oder ich soll ihn gerade nicht finden. Allerdings möchte ich mich noch einmal zu diesem Thema äußern – bzw. ich muss. Der Artikel war damals mein erfolgreichster Artikel und ich habe so viel positiven Zuspruch erhalten – vor allem von Männern, die selbst gern Röcke tragen – das war damals eine unheimlich positive Erfahrung.

Angefangen hatte ich damals mit der Erklärung, dass die Überschrift sehr krass formuliert sei, denn im Prinzip möchte ich Freiheit für jede*n und nicht jedem Mann vorschreiben, ab nun einen Rock zu tragen. Jedoch war ich auf das Thema gekommen, da ich damals eine Kollektion des Modedesigners Thom Brown gesehen und geteilt hatte. Auf dem Bild waren 3 männliche, sehr schlanke Models in Blazern mit akkurat geschneiderten Faltenröcken zu sehen – was ich in dem Bild sah, waren 3 sehr schöne Männer, mit zweireihigen Blazern wie mein Vater sie trug und Röcke, wie meine Urgroßmutter (gelernte Schneiderin) sie wohl geliebt hätte. Die Männer trugen High Heels und hatten wirklich großartige Beine (ich war dezent neidisch, um ehrlich zu sein, denn meine Beine sehen in Röcken in meinen Augen bei Weitem nicht so fabelhaft aus).

Was eine Freundin sah war: „Lächerlich!“ – ich war baff. Etliche Kommentare später war klar – Männer in Röcken wirken auf Frauen offenbar unmännlich – zumindest auf viele meiner Freundinnen. Es sei denn sie heißen Jamie Fraser und der Rock heißt Kilt – das ist nämlich wiederum das männlichste überhaupt. Ja nee, ist klar.

Erst einmal frage ich mich ja immer, wenn mir eine Freundin erklärt, wie Frauen ticken, ob ich überhaupt eine Frau bin. Ich habe in den letzten Jahren von diversen Freundinnen gelernt, dass eine Frau zu einem Mann aufblicken will, er männlich wirken und einen im Notfall ja verteidigen können müsste. Er soll der perfekte Romantiker sein, der Dame die Tür aufhalten, sie erobern, regelmäßig Blumen schenken. Die berühmte eierlegende Wollmilchsau. Meist beschwert sich die Freundin dann irgendwann bei mir über ihren Macho – während ihr Macho meinen Mann fragt, ob ich auch so Ansprüche stellen würde.

Eigentlich wünscht sich doch jede Frau Gleichberechtigung – aber unter der fehlenden Gleichberechtigung haben nicht nur wir Frauen zu leiden. Sicherlich – uns trifft es da, wo es vielleicht mehr weh tut – am Portemonnaie, bei der Karriere. Sobald man Mutter ist, kann man eh nur noch alles falsch machen in den Augen der Gesellschaft – geht man Arbeiten, ist man die Rabenmutter, bleibt man zu Hause, ist man „nur“ Hausfrau. Am Schlimmsten daran ist, dass wir Frauen untereinander so unsolidarisch sind, dass das Thema irgendwie einen eigenen Artikel verdient.

Das Problem sind die Rollenbilder der Gesellschaft. Die Frau hat in der Beziehung diese und der Mann jene Aufgaben. Das macht aber wenig Sinn, wenn die Wünsche und Talente, die ein Mensch mitbringt, nicht mit diesem Rollenbild zusammen passen. Im Bekanntenkreis habe ich schon erlebt, dass ein Mann die Elternzeit nehmen wollte – dies dann aber nicht gemacht hat, weil er auf der Arbeit gemobbt wurde. Dafür musste dann die Frau zu Hause bleiben – obwohl das Paar das anders entschieden hatte. Mein Mann und ich hatten einmal beide gleichzeitig einen neuen Job angetreten – mein Job war allerdings fest und er war über Zeitarbeit angestellt. Unser Sohn bekam Windpocken und musste aus dem Kindergarten abgeholt werden, mein Mann sagte, es wäre nicht gut, wenn ich meinen Job riskiere – und verlor tatsächlich seinen, innerhalb der Probezeit ohne Angabe von Gründen.

Ich habe sowieso das Glück in einer recht gleichberechtigten Beziehung zu leben. Ich verdiene mehr als mein Mann, was ihm auf Grund der Erziehung oft schwer fällt. Er dekoriert lieber und besser als ich, vor allem an Weihnachten. Dafür baue ich in Rekordzeit Ikeamöbel allein auf, da hat er überhaupt kein Händchen für – wobei er eigentlich ein Heimwerkerkönig ist. Trotzdem bemerke ich oftmals Probleme, wo uns unsere Erziehung und die Vorstellungen, was wir als Frau/Mann zu tun und zu lassen haben, dazwischen funken. Er macht es sich manchmal recht leicht, ich bürde mir zuviel auf – so toxisch sind diese alt hergebrachten Rollenbilder.

Ganz toll erklärt hat das Moritz Neumeier in der Carolin Kebekus Show: „Was Dich persönlich männlich macht, ist ganz allein Deine Entscheidung.“ Denn oft definieren wir männlich/weiblich nach dem, was uns so beigebracht wurde – anstatt in uns hineinzufühlen. In Bezug auf Mode bedeutet das: Frauen können/ dürfen sich stylen und kleiden, wie sie wollen, Männer eben nicht bzw. nur in ganz eingeschränktem Rahmen – wenn sie nicht bestimmten Szenen angehören/ zugerechnet werden wollen oder schief angeguckt werden wollen.

https://youtu.be/yOWc449tRpg

Ich habe selbst zwei Söhne, ich möchte, dass sie die Freiheit haben, sich auszudrücken. Wenn das irgendwann heißt, dass sie ein Spitzenkleid wie Harry Styles auf dem Vogue Cover tragen wollen – dann sollen sie das tun dürfen, ohne das jemand das mit „Lächerlich“ kommentiert. Überhaupt nie würde mir einfallen, einen anderen Menschen, der sich offensichtlich wohl in seiner Kleidung fühlt, als „Lächerlich“ zu bezeichnen. Eigentlich finde ich nur lächerlich, so unreflektiert andere in Schubladen zu stecken. Wie im Video genannt hatte auch mein Sohn eine Phase, in der er sich gern die Nägel lackiert hat – ich habe dann extra wasserlöslichen Kindernagellack besorgt, weil ich eher Angst hatte, die Chemikalien im Lack wären doof – mir war völlig egal, was im Kindergarten gesagt worden wäre. Ich habe auch sehr gefeiert, als eine Mutter durch Protest Disney dazu bewogen hat, den „Princess Day“ auch für Jungen anzubieten, die davon träumen, einen Tag mal Prinzessin zu sein.

Das Problem mit Männern in Kleidern oder Röcken ist doch eigentlich nur der ungewohnte Anblick – und somit liegt das Problem bei der Irritation des Betrachters. Es mag sein, dass es an meiner Modedesignausbildung liegt, dass mich nichts überrascht bzw. ich die Überraschung nutze, um mich mal zu fragen, was mich denn irritiert und was das über mich aussagt. Gerade, wenn mich Äußerlichkeiten irritieren – denn ich selbst empfinde Menschen, die nicht weiter als bis zum Äußeren sehen, als oberflächlich – und oberflächlich möchte ich nicht sein.

Für uns Mädels heißt das – wenn wir in Stilettos Glühbirnen auswechseln können (dafür gibt es sogar extra Ratgeber!) – wieso sollen die Herren der Schöpfung das nicht auch können? Überlegt mal, was ihr sagen würdet, wenn Euer Partner oder Sohn vielleicht schon ewig gern Röcke tragen möchte – sich das aber bisher aus Angst vor Euerer Reaktion nicht getraut hat? Ist ein Rock für einen Mann dann immer noch unmännlich oder „lächerlich“? Und für die Herren der Schöpfung – was bedroht Euch an einem Mann wie Harry Styles? Es zwingt Euch ja niemand, morgen auch im Rock rauszugehen. Vielleicht ist es eher der Mut?

„Kleidung ist dazu da, mit ihr Spaß zu haben und herum zu experimentieren. Wenn du die gängigen Konventionen hinter dir lässt, hast du viel mehr Spielraum“

Harry Styles (mehr dazu bei www.vip.de)

In diesem Sinne – habt Spaß, drückt Euch über Kleidung und Styling aus und gesteht dieses Recht auch jedem anderen zu. Be blessed, Keya

Samhain – bitte was?

So oder so ähnlich sind die Reaktionen, wenn ich sage, wir (ich und meine Familie dann auch) feiern am 31.10.2020 Samhain (sprich britisch „sawn“ oder amerikanisch „saa·wn“).

So ähnlich reagiere ich aber auch manchmal über die Gerüchte, die gerade von christlichen Freunden kommen, die sich über den „rüberschwappenden Halloween- Trend“ aufregen. Dies Jahr habe ich diesen Blog und da es thematisch passt, kann ich also meine Meinung und Ansichten zu diesem Fest hier aufschreiben – und dann diesen Artikel in etwaigen Facebook- Kommentaren verlinken. Aber alles der Reihe nach. Ich werde mehrere Artikel dazu schreiben, um es nicht zu langatmig werden zu lassen.

Zunächst wäre vielleicht ein Artikel über das Rad des Jahres an sich passend als Einstieg gewesen – reiche ich nach, versprochen. So passt sich das aber auch, denn Samhain beginnt das Rad des Jahres von vorn. Es markiert also für alle, die die Jahreskreisfeste feiern, den Anfang eines neuen Zyklus.

Photo by Paige Cody on Unsplash

Die Ursprünge des Festes gehen auf die Kelten zurück – zu den heutigen Bräuchen und Feiern habe ich bereits einen Artikel verfasst. Die Kelten waren eine Volksgruppe in der Antike, die an Hand bekannter archäologischer Funde eine ausgeprägte Kultur und eine hochentwickelte soziale Kultur hatten. Heute denken die meisten bei den Kelten wahrscheinlich an die britischen Inseln, wenn sie gefragt werden, wo die Kelten den lebten. Tatsächlich verbreiteten sich die Kelten in Wanderungen mit der Zeit jedoch auch in ganz Europa und kamen mit den etruskischen, griechische, thrakische, skythischen und germanischen Kulturkreisen sowie mit den Römern in Kontakt. Mit allen genannten Kulturen haben die Kelten offenbar Handel betrieben, wie sich aus archäologischen Funden ableiten lässt. 

Photo by Robert Lukeman on Unsplash

Tatsächlich lässt sich das heutige Halloween, das mehr und mehr aus Amerika zu uns kommt, in seinen Ursprüngen bis zum keltischen Samhain zurückverfolgen. Allerdings sind die heutigen Halloweenbräuche keine kontinuierliche Entwicklung der keltischen Bräuche, denn wir wissen nichts Genaues bzw. sehr wenig über die religiösen Praktiken der Kelten im Detail – dazu kommt ein eigener Beitrag, da ich hier noch versuche, verlässliche Literatur zu bekommen. Eben dies lässt jedoch sehr viel Raum für Spekulationen – Jahr für Jahr werden daher auch in meinem Bekanntenkreis Sharepics geteilt, auf denen vor Halloween gewarnt wird, weil die Kelten Menschen-/Kinderopfer zu Samhain dargebracht haben oder aber Hexen an Halloween ihren satanischen Ritualen frönen. Da wird jetzt soviel in einen Topf geschmissen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll (und ob man Ostern noch feiern darf).

Des Weiteren sorgen sich viele um die Tradition der Martinsumzüge – in Deutschland gehen Kinder am oder am Wochenende nach dem Martinstag von Tür zu Tür, singen das Martinslied und bekommen dafür Süßigkeiten. Das an Halloween übliche „Trick or Treat“ mutet bei diesen besorgten Mitmenschen als „Erpressung“ an (auch zur Herkunft dieser Tradition in einem weiteren Beitrag mehr). So werden dann Kinder an Halloween wieder weg geschickt mit Verweis auf das Martinsfest, da dies im Gegensatz zu Halloween einen Sinn vermittelt – nämlich gelebte Großzügigkeit. So sehr ich die Kommerzialisierung von Halloween ebenfalls nicht gutheiße – für mich hat es da aber doch einen Sinn. Es hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Großzügigkeit heißt: „Bedingslos und freiwillig abgeben“ – und nicht erwarten, dass der Beschenkte sich an auferlegte Regeln hält. Ich kann mich bei der Martinssage nicht erinnern, dass Martin erst gefragt hat, welche Religion der Bettler hatte, dem er ganz großzügig einen halben Mantel abgab (er hatte bestimmt mehrere ganze im Schrank und wahrscheinlich auch eine Decke oder ähnliches dabei, wenn er zu Pferd reiste).

Ich möchte kein Religionsbashing betreiben – aber ihr seht, wenn ihr jemanden befragt, der von außen auf eine Religion sieht, kommt selten ein rein positives Bild dabei raus. Das sollte uns auch bei den Berichten über die Kelten im Gedächtnis bleiben, denn die Berichte über Menschenopfer stammen nicht von den Kelten selbst – sondern wurden z.B. von keinem geringeren als Julius Caesar – das der liebe Julius vielleicht ein wenig übertrieben hat, weil es sich bei den Schriften um Kriegspropaganda handelt, mag sein. Ganz aus der Luft gegriffen haben werden die antiken Autoren ihre Berichte nicht – jedoch beim Werk „De Bello Gallico“ ist nicht einmal sicher, ob Caesar alle Teile selbst geschrieben hat oder jemand im Nachhinein ergänzt hat (im Lateinunterricht habe ich dieses Werk lesen müssen und ich erinnere mich an eine witzige Passage, in der Caesar – so er diesen Part selbst geschrieben hat – Elche beschreibt).

Gibt man „Halloween Kinder“ bei youtube ein, findet man neben Deko- und Verkleidungstipps auch sehr viel Content, der vor Halloween warnt. Das meiste kommt von Accounts, die bereits Kirche im Namen tragen – oder von besorgten Muttis (ich bin auch ab und an eine, wir neigen echt dazu, überzureagieren), die eben auf die Kinderopfer bei den Kelten hinweisen. Als Quelle – Caesars „De Bello Gallico“, Strabon, Diodor und Cicero (man bemerke, alles Römer/ Griechen) und ein Fund bei einer Ausgrabung am „Hill of Ward“, bei dem angeblich ein geopfertes Babyskelett entdeckt wurde – spannend dabei, dass die Archäologen vor Ort sich nicht sicher ist, ob es sich um ein Opfer gehalten hat – denn das Skelett war sorgfältig beerdigt worden, weist keine Anzeichen von Gewalteinwirkung auf und auch sonst gibt es laut diesem Bericht überhaupt wenige archäologische Belege für Menschenopfer – der jüngsten Bericht, den ich dazu gefunden habe, stammt aus 2014 und laut Universität ging die Ausgrabung nur von 2014-2015. Zwar spricht auch der Keltologe Helmut Birkhan von Menschenopfern bei den Kelten – aber wir wissen einfach nicht genug, um diese Praktiken sicher mit Samhain in Verbindung zu bringen.

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Zusätzlich muss man sich ins Gedächtnis rufen – die Kelten waren eine weit verbreitete Volksgruppe und die Römer kamen hauptsächlich in Kontakt mit den Galliern – Halloween entwickelte sich aber im frühen Christentum in Irland und Schottland. Da jeder keltische Stamm ein wenig eigene Bräuche pflegte, lassen sich Berichte über Menschenopfer aus römischer Quelle nicht ohne Weiteres auf die britischen Stämme übertragen – und selbst wenn, die Ursprünge der Halloweenbräuche sind eindeutig christlich, wie hier beschrieben. Somit ist Samhain ein Fest, das vermutlich irgendwann durch Halloween ersetzt wurde – aber außer dem Datum vielleicht doch gar nicht so viel mit Halloween gemeinsam hatte?

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Also, so richtig handfeste Beweise haben weder die Halloween-„Hater“ noch ich gefunden bzw. die Wertung der möglichen Menschenopfer und deren Zusammenhang mit Samhain ist eben davon abhängig, ob man Argumente für oder gegen Samhain/Halloween sucht – wenn wir aber einmal die Bibel betrachten, dann gibt es auch hier Hinweise bzw. konkrete Erzählungen möglicher Menschenopfer. Trotzdem hinterfragen wir ja nicht deswegen alle christlichen Feiertage, oder? Wenn ihr nun interessiert seid, welchen Sinn Samhain nun für heutige heidnische Religionen hat, dann habe ich es versucht, es hier zusammenzufassen. Ich würde mich freuen, wenn ihr danach versteht, warum es für viele von uns wirklich einer der wichtigsten Feiertage im Jahr ist.

Wer sich über den Spuk und Grusel an Halloween beschwert – dieser ist vermutlich durch Vermischung mit dem christlichen Glauben entstanden und war nicht Bestandteil des ursprünglichen Samhain. Die Industrie hat entdeckt, wie gut sich damit Geld machen lässt und der Konsum höhlt den Feiertag aus und lässt ein sinnentlehrtes Spektakel übrig (Anmerkung: passiert in den letzten Jahren aber auch mit Weihnachten, dass zur Konsumschlacht ausartet). Wer jetzt Hexen und „satanische“ Kulte zusammenwirft und Halloween dazu in Beziehung setzt, der schmeißt unterschiedliche Dinge in den Kessel und wundert sich, was dabei raus kommt.

Mein Altar zur Samhain Zeit

Fakt ist, es gibt moderne Hexen – jedoch ist Hexe sein ein spiritueller Pfad, den man geht und völlig unabhängig von einer Religion. Es gibt Hexen (übrigens männlich, weiblich, divers ;)), die dem christlichen Glauben angehören. Daneben gibt es Wicca, eine Religion, die oft mit dem englischen „Witch“ gleichgesetzt wird, was aber aus o.g. Grund nicht ganz korrekt ist. Denn eine Hexe kann jeder beliebigen Religion angehören, aber auch einfach nur die Natur als Ganzheit verstehen oder sogar atheistisch sein. Satan oder der Teufel existiert nur im christlichen Glauben – wer aufgepasst hat weiß, dass es auch Hexen geben kann, die Satan verehren – aber dann gehören sie auch noch nicht zwangsläufig dem (modernen) Satanismus an. Dies ist ein Fakt, den ich bis vor 2 Jahren selbst noch nicht wusste – ich verdanke dieses Wissen einer Neuverfilmung einer Hexe, die meinen bürgerlichen Vornamen trägt.

Anfang November 2018 gab es Schlagzeilen, dass der Satanic Temple Netflix für die Verwendung einer Statue von Baphomet in der Serie „The chilling adventures of Sabrina“ verklagte. Die Statue wird dabei in der klischeehaft dargestellten Kirche der Nacht verwendet, die alle Vorurteile des Satanismus bedient, die wir aus einschlägigen Horrorfilmen kennen. Satanismus war jedoch selten tatsächlich Anbetung von Satan, sondern als Protestbewegung gegen strenge kirchliche Doktrinen des Christentums gemeint. Und auch der 2013 gegründete Satanic Temple glaubt nicht an einen real existierenden Teufel, sondern sieht ihn als Symbol der Freiheit und Individualität – Okkultismus und Esoterik wird sogar von der Bewegung abgelehnt, stattdessen geht es um politischen Aktivismus und ein humanistisches Menschenbild (vgl. hier). Und seitdem schäme ich mich für mein bis zu dieser Erkenntnis wirklich dunkles Bild über Satanismus – niemand ist frei von Vorurteilen, Lektion gelernt.

Da Samhain ja Hexenneujahr ist, ist es auch eine Zeit, über Vorsätze nachzudenken. Ich hätte ein paar Vorschläge für uns alle:

  • Du magst Halloween nicht – macht nichts, der Grinch mag Weihnachten nicht – trotzdem ist es uncool, allen anderen den Spaß zu verderben
  • Seid offen und frei von Vorurteilen – dein Nachbar feiert andere Feiertage als Du? Lass es Dir erklären. Feiert gemeinsam – das Leben ist eh viel zu kurz
  • Du magst einem Kind keine Süßigkeiten geben, weil es am falschen Tag danach fragt? Es ist nicht Dein Kind – Du bist nicht für die Erziehung verantwortlich. Du solltest Dir überlegen, was es über Dich aussagt, wenn Du nichts gibst, weil Du Dich von der Bitte nach Süßigkeiten angegriffen fühlst
  • Recherchiere, bevor Du Dir eine Meinung über andere Religionen bildest – am Besten, indem Du Berichte von Beteiligten liest oder besser noch mit ihnen sprichst. Gerade Autoren mit gegenteiliger Religionszugehörigkeit fällt es oft schwer, objektiv zu berichten
  • Ebenso, wie Du nicht Halloween feiern musst, müssen Traditionen nicht auf Biegen und Brechen aufrecht erhalten werden. Gerade Feiertage erben wir meist von unseren Vorfahren/ Ahnen – verändern sie aber meist selbst ein wenig und geben sie so an unsere Kinder weiter – das ist o.k. Wichtig ist, dass der Feiertag den Feiernden etwas bedeutet – er muss nicht vom Nachbarn verstanden, jedoch akzeptiert werden – ggf. die Feiertage der jeweiligen anderen Kultur zusammen feiern, s.o.
  • Lasst uns alle vor der eigenen Haustür kehren – dann wird es sauberer 🙂

Nochmal – mir geht es nicht darum, irgendeine Kultur oder Religion als überlegen darzustellen. Ich selbst bin evangelisch-lutherisch getauft und nachdem ich als junge Frau aus der Kirche ausgetreten bin sogar vor mehr als 10 Jahren wieder eingetreten – weil ich die Gemeinde in meinem kleinen Wohnort als Bereicherung erlebe. Meine Kinder gehen „St. Martins Singen“ – an Halloween haben sie eh keine Zeit, da feiern wir Samhain. Gern aber auch mit Verkleidung, wenn die Kinder es so wollen. Und wenn ihr einen Feiertag streichen wollt, dann fangt bitte bei den eigenen an – alles andere greift in die Freiheit anderer ein. Macht Euch eine tolle Zeit.

Be blessed, Keya

P.S.

Man steckte sie in Tierfelle und ließ sie von Hunden zerfleischen, man schlug sie ans Kreuz oder zündete sie an und ließ sie nach Einbruch der Dunkelheit als Fackeln brennen.

Tacitus über die Christenverfolgung unter Nero

Während Christen unter Caesar weitestgehend Religionsfreiheit genossen, wurden sie zu späteren Zeiten verfolgt und zum Teil öffentlich hingerichtet oder in öffentlichen Spielen zur Volksbelustigung getötet. Später wurde das Christentum Staatsreligion. Praktiken wie Religionen, Hintrichtungen und Menschenopfer lassen sich also nicht immer einwandfrei einer gesamten Kultur/ Volksgruppe zuordnen, da sie einem stetigen Wandel unterliegen – daher lasst uns aus Fehlern der Vergangenheit lernen, im Hier und Jetzt leben und die Zukunft für uns alles besser gestalten.

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