…und Frauen das akzeptieren sollten

Harry Styles wird das Cover der Vogue im Dezember zieren – als erster Mann weltweit. Und wird ein Spitzenkleid tragen- die Meldung ist ja nun eigentlich auch irgendwie schon eine Woche alt. Aber es geht um einen Mann in einem Spitzenkleid und wir haben erst… 2020. Und vor ziemlich genau 2 -3 Jahren habe ich schon einmal einen Artikel zu diesem Thema geschrieben – und es ist so ziemlich nichts in diese Richtung passiert. Bis vor einigen Tagen dieses Bild in den Instastories auftauchte – zum Glück denken alle Profile, denen ich folge, ähnlich wie ich über dieses Thema.

Leider ist mein Blogartikel aus 2017 nicht mehr da. Ich hatte meinen damaligen Blog gesichert, leider aber hat ein Festplattencrash diese Sicherung offenbar geschluckt. Oder ich soll ihn gerade nicht finden. Allerdings möchte ich mich noch einmal zu diesem Thema äußern – bzw. ich muss. Der Artikel war damals mein erfolgreichster Artikel und ich habe so viel positiven Zuspruch erhalten – vor allem von Männern, die selbst gern Röcke tragen – das war damals eine unheimlich positive Erfahrung.

Angefangen hatte ich damals mit der Erklärung, dass die Überschrift sehr krass formuliert sei, denn im Prinzip möchte ich Freiheit für jede*n und nicht jedem Mann vorschreiben, ab nun einen Rock zu tragen. Jedoch war ich auf das Thema gekommen, da ich damals eine Kollektion des Modedesigners Thom Brown gesehen und geteilt hatte. Auf dem Bild waren 3 männliche, sehr schlanke Models in Blazern mit akkurat geschneiderten Faltenröcken zu sehen – was ich in dem Bild sah, waren 3 sehr schöne Männer, mit zweireihigen Blazern wie mein Vater sie trug und Röcke, wie meine Urgroßmutter (gelernte Schneiderin) sie wohl geliebt hätte. Die Männer trugen High Heels und hatten wirklich großartige Beine (ich war dezent neidisch, um ehrlich zu sein, denn meine Beine sehen in Röcken in meinen Augen bei Weitem nicht so fabelhaft aus).

Was eine Freundin sah war: „Lächerlich!“ – ich war baff. Etliche Kommentare später war klar – Männer in Röcken wirken auf Frauen offenbar unmännlich – zumindest auf viele meiner Freundinnen. Es sei denn sie heißen Jamie Fraser und der Rock heißt Kilt – das ist nämlich wiederum das männlichste überhaupt. Ja nee, ist klar.

Erst einmal frage ich mich ja immer, wenn mir eine Freundin erklärt, wie Frauen ticken, ob ich überhaupt eine Frau bin. Ich habe in den letzten Jahren von diversen Freundinnen gelernt, dass eine Frau zu einem Mann aufblicken will, er männlich wirken und einen im Notfall ja verteidigen können müsste. Er soll der perfekte Romantiker sein, der Dame die Tür aufhalten, sie erobern, regelmäßig Blumen schenken. Die berühmte eierlegende Wollmilchsau. Meist beschwert sich die Freundin dann irgendwann bei mir über ihren Macho – während ihr Macho meinen Mann fragt, ob ich auch so Ansprüche stellen würde.

Eigentlich wünscht sich doch jede Frau Gleichberechtigung – aber unter der fehlenden Gleichberechtigung haben nicht nur wir Frauen zu leiden. Sicherlich – uns trifft es da, wo es vielleicht mehr weh tut – am Portemonnaie, bei der Karriere. Sobald man Mutter ist, kann man eh nur noch alles falsch machen in den Augen der Gesellschaft – geht man Arbeiten, ist man die Rabenmutter, bleibt man zu Hause, ist man „nur“ Hausfrau. Am Schlimmsten daran ist, dass wir Frauen untereinander so unsolidarisch sind, dass das Thema irgendwie einen eigenen Artikel verdient.

Das Problem sind die Rollenbilder der Gesellschaft. Die Frau hat in der Beziehung diese und der Mann jene Aufgaben. Das macht aber wenig Sinn, wenn die Wünsche und Talente, die ein Mensch mitbringt, nicht mit diesem Rollenbild zusammen passen. Im Bekanntenkreis habe ich schon erlebt, dass ein Mann die Elternzeit nehmen wollte – dies dann aber nicht gemacht hat, weil er auf der Arbeit gemobbt wurde. Dafür musste dann die Frau zu Hause bleiben – obwohl das Paar das anders entschieden hatte. Mein Mann und ich hatten einmal beide gleichzeitig einen neuen Job angetreten – mein Job war allerdings fest und er war über Zeitarbeit angestellt. Unser Sohn bekam Windpocken und musste aus dem Kindergarten abgeholt werden, mein Mann sagte, es wäre nicht gut, wenn ich meinen Job riskiere – und verlor tatsächlich seinen, innerhalb der Probezeit ohne Angabe von Gründen.

Ich habe sowieso das Glück in einer recht gleichberechtigten Beziehung zu leben. Ich verdiene mehr als mein Mann, was ihm auf Grund der Erziehung oft schwer fällt. Er dekoriert lieber und besser als ich, vor allem an Weihnachten. Dafür baue ich in Rekordzeit Ikeamöbel allein auf, da hat er überhaupt kein Händchen für – wobei er eigentlich ein Heimwerkerkönig ist. Trotzdem bemerke ich oftmals Probleme, wo uns unsere Erziehung und die Vorstellungen, was wir als Frau/Mann zu tun und zu lassen haben, dazwischen funken. Er macht es sich manchmal recht leicht, ich bürde mir zuviel auf – so toxisch sind diese alt hergebrachten Rollenbilder.

Ganz toll erklärt hat das Moritz Neumeier in der Carolin Kebekus Show: „Was Dich persönlich männlich macht, ist ganz allein Deine Entscheidung.“ Denn oft definieren wir männlich/weiblich nach dem, was uns so beigebracht wurde – anstatt in uns hineinzufühlen. In Bezug auf Mode bedeutet das: Frauen können/ dürfen sich stylen und kleiden, wie sie wollen, Männer eben nicht bzw. nur in ganz eingeschränktem Rahmen – wenn sie nicht bestimmten Szenen angehören/ zugerechnet werden wollen oder schief angeguckt werden wollen.

https://youtu.be/yOWc449tRpg

Ich habe selbst zwei Söhne, ich möchte, dass sie die Freiheit haben, sich auszudrücken. Wenn das irgendwann heißt, dass sie ein Spitzenkleid wie Harry Styles auf dem Vogue Cover tragen wollen – dann sollen sie das tun dürfen, ohne das jemand das mit „Lächerlich“ kommentiert. Überhaupt nie würde mir einfallen, einen anderen Menschen, der sich offensichtlich wohl in seiner Kleidung fühlt, als „Lächerlich“ zu bezeichnen. Eigentlich finde ich nur lächerlich, so unreflektiert andere in Schubladen zu stecken. Wie im Video genannt hatte auch mein Sohn eine Phase, in der er sich gern die Nägel lackiert hat – ich habe dann extra wasserlöslichen Kindernagellack besorgt, weil ich eher Angst hatte, die Chemikalien im Lack wären doof – mir war völlig egal, was im Kindergarten gesagt worden wäre. Ich habe auch sehr gefeiert, als eine Mutter durch Protest Disney dazu bewogen hat, den „Princess Day“ auch für Jungen anzubieten, die davon träumen, einen Tag mal Prinzessin zu sein.

Das Problem mit Männern in Kleidern oder Röcken ist doch eigentlich nur der ungewohnte Anblick – und somit liegt das Problem bei der Irritation des Betrachters. Es mag sein, dass es an meiner Modedesignausbildung liegt, dass mich nichts überrascht bzw. ich die Überraschung nutze, um mich mal zu fragen, was mich denn irritiert und was das über mich aussagt. Gerade, wenn mich Äußerlichkeiten irritieren – denn ich selbst empfinde Menschen, die nicht weiter als bis zum Äußeren sehen, als oberflächlich – und oberflächlich möchte ich nicht sein.

Für uns Mädels heißt das – wenn wir in Stilettos Glühbirnen auswechseln können (dafür gibt es sogar extra Ratgeber!) – wieso sollen die Herren der Schöpfung das nicht auch können? Überlegt mal, was ihr sagen würdet, wenn Euer Partner oder Sohn vielleicht schon ewig gern Röcke tragen möchte – sich das aber bisher aus Angst vor Euerer Reaktion nicht getraut hat? Ist ein Rock für einen Mann dann immer noch unmännlich oder „lächerlich“? Und für die Herren der Schöpfung – was bedroht Euch an einem Mann wie Harry Styles? Es zwingt Euch ja niemand, morgen auch im Rock rauszugehen. Vielleicht ist es eher der Mut?

„Kleidung ist dazu da, mit ihr Spaß zu haben und herum zu experimentieren. Wenn du die gängigen Konventionen hinter dir lässt, hast du viel mehr Spielraum“

Harry Styles (mehr dazu bei www.vip.de)

In diesem Sinne – habt Spaß, drückt Euch über Kleidung und Styling aus und gesteht dieses Recht auch jedem anderen zu. Be blessed, Keya